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Verehrter Leser,
die Medien überschlugen sich: Die Afghanistankonferenz in London Ende Januar sei ein voller Erfolg gewesen, man habe sich dort zu einem „Strategiewechsel“ durchgerungen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle wertete die Konferenz, an der Delegationen aus 70 Staaten und internationalen Organisationen teilnahmen, als „strategischen Neuanfang“. „London ist eine wirklich wichtige Weichenstellung, vielleicht ist es der Turnaround“, sagte der polyglotte Westerwelle – und meint damit wohl „Wendepunkt“. Noch in diesem Jahr soll die Kontrolle über die Sicherheit Afghanistans schrittweise an Polizei und Armee des Landes übertragen werden. Die Konferenz sei „der Startschuß“ für einen Truppenabzug vom Hindukusch in absehbarer Zeit, behauptete Westerwelle und fügte hinzu: „Hier in London beginnt jetzt der Prozeß der Übergabe in Verantwortung. Wir wollen nicht ewig und drei Tage bleiben.“ Doch was steckt tatsächlich hinter den schönen Worten des deutschen Außenministers?
Bundeskanzlerin Merkel hat zugesagt, das deutsche Truppenkontingent in Afghanistan um 500 Soldaten aufzustocken, hinzu kommen noch 350 Soldaten als „flexible Reserve“. Und: Der deutsche Steuerzahler wird 50 Millionen Euro beizutragen haben, um Talibankämpfer zu „reintegrieren“ – also auf gut deutsch Bestechungsgelder.
Wie soll man sich die „Reintegration“ vorstellen? Ehemals kriegerische Talibankrieger werden mit deutschem Steuergeld zu Sozialarbeitern und Ökobauern umgeschult, oder sie eröffnen gar einen Fahrradladen in der Fußgängerzone von Kabul? Sie legen ihre Waffen nieder und besuchen deutsche Gender-Mainstreaming-Seminare? Sie vergessen einfach ihre jahrzehntelange Kriegserfahrung und werden nun hippe Streetworker und Konfliktmediatoren? AK-47 zu Skateboards?
Dieses „Konzept“ scheint an Naivität kaum überbietbar zu sein, aber es ist typisch für die deutsche Politik. Afghanistan wurde stets zur Knochenmühle für Invasoren, egal woher sie kamen. Die Briten holten sich im 19. Jahrhundert eine blutige Nase am Hindukusch. Den Sowjets erging es zwischen 1979 und 1989 nicht besser. Gleichgültig mit welcher technologischen Übermacht die Besatzer nach Afghanistan kamen, sie trafen stets auf verbissene Gegenwehr – bis heute. Aus der Geschichte kann man durchaus lernen – als Politiker sollte man das sogar.
Guido Westerwelle jedenfalls scheint tatsächlich daran zu glauben, die afghanischen Widerständler nach nun neun Jahren Krieg einfach „kaufen“ zu können. Die Konsequenzen dieser Fehleinschätzung wird allerdings nicht er zu tragen haben, sondern die jungen deutschen Soldaten, die in Afghanistan im Kampf fallen werden. Der redselige Guido Westerwelle wird ihren Angehörigen dann hoffentlich auch den Sinn des Opfers erklären können.
Mit freundlichen Grüßen
Manuel Ochsenreiter
Chefredakteur
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