Tausendsassa „Bradley“

85dmz1Leistungsstarker Späh- und Schützenpanzer der US-Armee

Als 1967 der sowjetische Schützenpanzer BMP-1 im Rahmen der Oktoberparade auf dem Roten Platz erstmals in der Öffentlichkeit auftauchte und nicht mal ein Jahr später bereits erste Modelle an die Nationale Volksarmee der DDR ausgeliefert wurden, versetzte das neue Fahrzeug der NATO einen regelrechten Schock. Der BMP war ein Schützenpanzer einer neuen Generation, der Westen hatte dem nichts Gleichwertiges entgegen­zusetzen.

Zwar wurde in Deutschland bereits seit 1959 der überlegene Schützenpanzer Marder entwickelt, die Serienfertigung sollte aber erst 1969 beginnen, 1971 konnte das erste Fahrzeug an die Bundeswehr ausgeliefert werden. Bis dahin stand die NATO im Zugzwang. Die Unterlegenheit auf diesem Gebiet und die Erfahrungen im Vietnamkrieg führten den US-Militärs schnell die Notwendigkeit zur Beschaffung eines neuen Schützenpanzers vor Augen. Das neue Fahrzeug mußte erstens in der Lage sein, dem BMP-1 Paroli zu bieten, im Verbund mit Kampfpanzern zu wirken und seine Insassen vor sowjetischen ABC-Angriffen zu schützen, und zweitens den Erfahrungen im Kampf gegen den Vietcong Rechnung tragen – es sollte den Kampf über die Bordwand ermöglichen und die Soldaten im hinteren Kampfraum wirksam vor Panzer­abwehrwaffen und -minen schützen.

Der Schützenpanzer M2 Bradley sollte diese Lücke in der US-Armee füllen. Das Fahrzeug setzte bei seiner Einführung in die Streitkräfte neue Maßstäbe und ist bis heute als Schützenpanzer eines der effektivsten Gefechtsfahrzeuge der US-amerikanischen Infanterie. Als M3 Bradley wird er zudem als Spähpanzer eingesetzt.

Die Entwicklung des M2/3 Bradley
Zwar wurde aufgrund diverser Mängel des M113 – das Fahrzeug bot beispielsweise keine Möglichkeit zum Kampf über die Bordwand, und die Soldaten waren nicht vor ABC-Waffen geschützt – bereits zu Beginn der 1960er Jahre das Mechanized Infantry Combat Vehicle-Program (MICV) ins Leben gerufen, allerdings kam die Entwicklung eines alternativen Fahrzeugs nur äußerst schleppend voran. 1966 wurde das Programm sogar zwischenzeitlich eingestellt. Mit dem Auftauchen des BMP-1 wurde man sich des dringenden und bisher verkannten Bedarfs schlagartig bewußt. Die Firma Food Machinery Cor­poration (FMC, heute unter dem Namen BAE Systems eine der größten Waffenschmieden der Welt) bekam den Auftrag, einen Schützenpanzer auf Basis des M113 zu entwickeln. Allerdings konnte der Prototyp XM765 nicht überzeugen. Nachdem zwischenzeitlich die Nutzung der deutschen Entwicklung „Marder“ geprüft, aber als Lösung ebenfalls verworfen wurde, bekamen erneut mehrere Firmen den Auftrag, entsprechende Entwürfe vorzulegen. Schließlich erhielt der XM723 von FMC den Zuschlag, obwohl er nicht alle vorgegebenen Anforderungen erfüllte. Der Prototyp glich dem späteren Bradley äußerlich bereits sehr.

Etwa zeitgleich zeichnete sich der Bedarf nach einem neuen Aufklärungsfahrzeug ab – die Armee suchte allerdings erfolglos nach einem geeigneten Spähpanzer als Ersatz für den veralteten M114. Da die Entwicklung eines völlig neuen Vehikels jedoch zu kostenintensiv gewesen wäre, mußte eine andere Lösung gefunden werden. Schließlich wurde man auf den XM723 aufmerksam, da dieser Prototyp eines Schützenpanzers bereits viele Anforderungen an den neu zu beschaffenden Spähpanzer erfüllte.

Das Projekt gewann damit erneut an Bedeutung, da zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden konnten. Gewisse Änderungen in der Konzeption waren nötig, um das als Schützenpanzer entwickelte Modell auch als Spähpanzer tauglich zu machen – so wurde beispielsweise der für den Schützenpanzer geplante Ein-Mann-Turm durch eine Zwei-Mann-Variante ersetzt, um dem nun durch einen Richtschützen entlasteten Kommandanten bessere Übersicht über das Gefechtsfeld zu gewährlei­sten. Die Zusammenführung der Konzepte kam aber letztendlich gut voran.

Die Kosten für den Panzer waren durch die komplizierter gewordene Konzeptionierung enorm gestiegen, was immer wieder zu Diskussionen und sogar mehrmals zur vorübergehenden Einstellung des Projekts durch den Kongreß führte. FMC setzte die Entwicklung dennoch fort und konnte der Armee 1978 einen Prototyp zur Verfügung stellen. Obwohl die Kosten mittlerweile auf deutlich über eine halbe Million Dollar pro Fahrzeug gestiegen waren, hielten die Militärs das Fahrzeug aufgrund seiner Leistungsfähigkeit für kosteneffizient und setzten eine Einführung in die Truppe durch. 1981 konnten die ersten, mittlerweile in M2 (Schützenpanzer) beziehungsweise M3 (Spähpanzer) Bradley umbenannten Fahrzeuge an die Streitkräfte übergeben werden.

Aufklären und unterstützen
Mit dem Bradley verfügte die US-Armee nun über ein leistungsstarkes Gefechtsfahrzeug, das in der Lage war, Infanteristen unter Panzerschutz auf das Gefechtsfeld zu transportieren und mit ihnen unter Wechsel der Kampfweise zusammenzuwirken, effektiv Aufklärungsaufträge auszuführen und nicht zuletzt im Kampf der verbun­denen Waffen mit dem Kampfpanzer M1 Abrams auf dem Gefechtsfeld zu bestehen.

Im Zusammenwirken mit abgesessener Infanterie kann der Bradley Unterstützungsfeuer geben, feindliche Infanterie niederhalten oder vernichten und gepanzerte wie ungepanzerte feindliche Fahrzeuge bekämpfen.

Im Zusammenwirken mit Kampfpanzern sollen M1 Abrams aufgrund der besseren Panzerung und der durchschlagskräftigeren Bewaffnung die Angriffsspitze bilden, während die Schützenpanzer den Flankenschutz übernehmen. In durchschnittenem, bewaldetem oder urbanem Gelände hingegen schützen der Bradley und die abgesessene Infanterie die hier in ihren Fähigkeiten ein­geschränkten eigenen Kampfpanzer vor feindlichen Panzervernichtungstrupps und ähnlichen Bedrohungen.

Die äußerliche Ähnlichkeit der beiden Versionen M2 und M3 des Bradley – beide Fahrzeuge sind optisch kaum zu unterscheiden – bietet im Einsatz zudem einen wei­teren Vorteil: Da der Feind zwischen Späh- und Schützenpanzern nicht unterscheiden kann, wird ihm ­gleichzeitig das Unterscheiden zwischen Voraus- und Hauptkräften erschwert.

Seitdem die US-Streitkräfte zunehmend mit asymme­trisch kämpfenden Gegnern in urbanem Gelände konfrontiert sind – wie beispielsweise in Afghanistan und im Irak –, liegt der Einsatzschwerpunkt des M2 Bradley vor allem in der Unterstützung eigener Infanterie in städ­tischem Gebiet. Zwar sind Panzer in urbanem Gelände anfällig und müssen von der eigenen Infanterie geschützt werden, trotzdem erwies sich der Einsatz von Schützenpanzern hier als sinnvoll. Die Panzer sind in der Lage, feindliche Kräfte effektiv niederzuhalten oder zu bekämpfen. Sie können zudem durchschlagskräftiges Unterstützungs- und Deckungsfeuer geben, Mauerdurchbrüche schaffen und befestigte Fahrzeuge und Stellungen vernichten, womit sie die Infanterie alles in allem wertvoll ergänzen.

Bewaffnung und technische Daten
Dem Bradley steht zur Erfüllung seiner Aufgaben eine überzeugende Bewaffnung zur Verfügung. Ausgestattet mit der 25 mm-Bordmaschinenkanone M242 Bush­master, kann der Schützenpanzer sowohl mit Einzel- als auch mit Dauerfeuer wirken. Dabei können theoretisch bis zu 200 Schuß pro Minute abgegeben werden. Der Bradley ist in der Lage, HEI-Sprengbrandgeschosse (High Explosive Incendary) zur Bekämpfung von Infanterie und ungepanzerten Fahrzeugen oder APFSDS-Geschosse (panzerbrechende Wuchtgeschosse der neusten Generation) zum Vernichten gepanzerter Ziele zu verschießen. Die verwendete panzerbrechende Munition kann auf eine Entfernung von bis zu 2.500 Metern effektiv eingesetzt werden, die Durchschlagskraft wird von der US-Armee allerdings geheim gehalten. Die gesamte Waffenanlage ist stabilisiert und kann somit auch während der Fahrt wirksamer eingesetzt werden. Ursprünglich wurde der Bradley zur Bekämpfung gepanzerter Ziele mit APDS-Geschossen (Armor Piercing, Discarding Sabot) aufmunitioniert, die speziell zur Durchschlagung der vorderen Turmpanzerung des BMP-1 aus einer Entfernung von über 800 Metern – also der optimalen Kampfentfernung des BMP-1 – entwickelt worden war. Dies verdeutlicht einmal mehr, wie sehr die NATO bemüht war, ein kampfstärkeres Gegenmodell zum BMP zu entwickeln.

Als Sekundärbewaffnung verfügt der Bradley über ein M240-Maschinengewehr im NATO-Kaliber 7,62 x 51 mm. Außerdem verfügt der Bradley über eine TOW-Waffenanlage (Tube Launched Optically Tracked Wire Guided Missile), einer Panzerabwehrlenkwaffe zur effektiven Bekämpfung von Kampfpanzern. Zwei Lenkflugkörper befinden sich ständig in der Waffenanlage – der M2 führt weitere fünf, der M3 sogar weitere zehn Flugkörper in Reserve mit. Für Deckung beim Absitzen der Schützen oder beim Ausweichen sorgt eine Nebelmittelwurfanlage.

Der Bradley ist durch eine Aluminiumpanzerung geschützt, die geringeren Schutz bietet als eine Stahlpan­zerung von gleicher Dicke. Zur Verstärkung ist an den Seiten und am Turm eine Schottenpanzerung aus Stahlplatten angebracht. Vor Minen ist der Bradley durch eine 9,5 mm dicke Stahlplatte im vorderen Bereich der unteren Wanne geschützt. Ab der Version A2 verfügt der Bradley an der Front, beiden Seiten, dem Turm und dem Wannenboden über zusätzliche massive Stahlpanzerung, die einem Beschuß aus Waffen bis zu einem Kaliber von 30 mm standhält. Das Heck wird durch Stahlschotten geschützt. Die Aluminiumpanzerung macht den Panzer besonders anfällig für Brandwaffen aller Art, da das Metall ab einer Temperatur von 400° Celsius schmilzt und der Panzer damit zerstört wird.

Mit dem 600 PS starken Motor erreicht der Bradley eine Höchstgeschwindigkeit von über 60 Kilometern pro Stunde auf einer Reichweite von etwa 400 Kilometern. Das Fahrzeug ist bis zu einer Tiefe von 1,20 Metern watfähig. Es kann Steigungen von bis zu 60 Prozent überwinden und Hindernisse bis 76 cm Höhe „überklettern“.

Der Bradley ist in allen Fahrzeugversionen in den Flugzeugen C-5 Galaxy und C-17 Globemaster luftverlastbar.

Während der M3 Bradley mit fünf Soldaten – Kommandant, Richtschütze, Fahrer und zwei Aufklärer – besetzt ist, besteht die Besatzung des M2 aus zehn Männern. Im vorderen Kampfraum finden Fahrer, Richtschütze und Kommandant Platz. Im hinteren Kampfraum ist der Schützentrupp untergebracht. Ursprünglich bildeten sechs Soldaten den Schützentrupp, nach einer Umgestaltung des hinteren Kampfraumes während der Entwicklung des M2A2 ODS (Operation Desert Storm, Erster Golfkrieg) konnte der Trupp auf sieben Mann aufgestockt werden.

Bis 2045 im Einsatz
Seinen umfangreichsten Einsatz erlebte der Bradley bisher im Rahmen der Operation Desert Storm im Ersten Golfkrieg gegen den Irak. Er bewährte sich voll und konnte alle Erwartungen der US-Armee erfüllen. Es gelang problemlos, gemeinsam mit den M1 Abrams-Kampfpanzern zu wirken. Der Bradley konnte neben Schützenpanzern der Typen BMP-1 und BMP-2 auch ­T-55-Kampfpanzer russischer Bauart vernichten. Mit Hilfe der TOW-Lenkflugkörper wurden T-72-Panzer effektiv bekämpft.

Der Bradley ist heute in verschiedenen Versionen im Einsatz. Bis Ende des Jahres 2011 wurden die Modelle M2A3 und M3A3 in Serie gefertigt. Die US-Armee will ihre Fahrzeuge komplett auf den Stand der Versionen A3 oder ODS aufrüsten. Der Bradley soll in den Streitkräften der Vereinigten Staaten voraussichtlich noch bis 2045 Dienst tun und wird deshalb in vielerlei Hinsicht immer wieder kampfwertgesteigert und modernisiert. 2008 bekam die Waffenschmiede BAE Systems den Zuschlag zur Lieferung eines Bradley Urban Survival Kit (BUSK), welches den Panzer noch besser an die Herausforderungen in urbanem Gelände anpassen soll. Unter anderem bringt das BUSK ein zweites Maschinengewehr, welches durch den Kommandanten bedient wird, und verbesserten Schutz gegen Minen und IEDs (unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtungen) mit sich.

Neben den USA wird der Bradley auch von Saudi-Arabien genutzt, das heute über 400 Bradley-Panzer verfügt. Insgesamt wurden über 6.700 Fahrzeuge produziert.

Ulli Vader

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