Die sich dramatisch zuspitzende Gefährdungslage im Einsatzland Afghanistan macht eine weitere Nachrüstung und sogar Neuausstattung der deutschen ISAF-Kräfte zwingend notwendig. Neben einer dringend erforderlichen Neuorientierung in der Gesamtstrategie besteht bereits konkreter Handlungsbedarf bei der Anpassung des Fuhrparks an die Guerilla-Taktiken der Kämpfer im Großraum Kundus. Mit Beschaffung der hochgeschützten Allzweckfahrzeuge „Dingo“, „Mungo“, „Fennek“ GFF 4 und des „Boxer“ wurde ein erster Schritt getan. Jetzt haben die beiden führenden deutschen Entwickler für Systeme des Heeres, Kraus-Maffei Wegmann und Rheinmetall Defence, ein weiteres Fahrzeug ins Gespräch gebracht.
Das neue Radfahrzeug mit dem Arbeitsnamen AMPV (Armoured Multi-Purpose Vehicle) ist zwar für den globalen Markt vorgesehen, aber grundsätzlich auf die Bedürfnisse der Bundeswehr zugeschnitten. In den 18 Monaten Entwicklungszeit haben die Ingenieure eine komplett neue Fahrzeugart entworfen. Das Rüstungskonsortium hat dabei vorausschauend für die breit gefächerte Aufgabenpalette in aktuellen und zukünftigen Einsatzszenarien eine fünf Varianten umfassende Fahrzeugfamilie entwickelt. So besteht das Angebot der verschiedenen Führungs- und Funktionsfahrzeuge aus einem Typ 1, der als kompaktes, in einer CH-53 (mittlerer Transporthubschrauber) luftverladefähiges, schnelles Einsatzfahrzeug konzipiert ist. Der Typ 1B bezeichnet dabei einen Rüstsatzträger. Typ 2 (A, B) ist die längere und hochgeschützte Version des AMPV. Parallelen zum GTK „Boxer“ sind in der Konzeptionierung deutlich zu erkennen.
Hochmobildes Patrouillenfahrzeug
Im wesentlichen als hochmobiles Patrouillenfahrzeug vorgesehen, hat das AMPV Typ 2A mit seinen Außenmaßen von 5,37 Metern Länge, 2,28 Metern Breite und einer Höhe von 2,19 Metern ungefähr das Volumen eines VW-Transporters. Mit seinem Leergewicht von 7,3 Tonnen kann das AMPV 2A noch zwei Tonnen Zuladung aufnehmen. Das Innenvolumen von 5,5 Kubikmetern bietet vier Soldaten (mit Ausrüstung) genügend Platz und Bewegungsfreiheit. Der Stauraum im Heck beträgt einen Kubikmeter. Das Schutzkonzept beinhaltet eine selbsttragende Fahrzeugwanne aus Panzerstahl und diversen Keramik-Verbundpanzerungen. Die gleichgeartete Sicherheitszelle umgibt den gesamten Fahrgastbereich und geht bis zum Heck. So soll das Fahrzeug nach einer Ansprengung mit zehn Kilogramm Sprengstoff in fünf Metern Entfernung komplett einsatzfähig bleiben. Die Scheiben bestehen aus modernem Panzerglas. Recaro-Schalensitze und Vierpunktgurte – wie in einem Rennwagen – erhöhen zusätzlich die Sicherheit der Besatzung. Die 150 Kilogramm schweren Fahrzeugtüren sind durch Hydraulikunterstützung sehr leichtgängig und fallen sogar kaum hörbar ins Schloß.
Die gesamten Aufbauten ruhen auf einem speziell für diesen Fahrzeugtyp entwickelten Hochleistungsfahrwerk. Der hohe Federweg und die Einzelradaufhängung gewährleisten eine große Bodenfreiheit von 0,35 Metern und die Möglichkeit der extremen Verschränkung der Achse bei anspruchsvollen Geländefahrten. Mit einer beachtlichen Steigfähigkeit von bis zu 70 Grad und einer zulässigen Querneigung von bis zu 30 Grad kann sich das AMPV in fast jedem Gelände behaupten. Durch eine automatische Reifendruckregelanlage kann zusätzlich die Traktion erhöht werden. Die „Gefechtsräder“ sind mit hochfesten Notlaufelementen versehen und erlauben selbst im zerstörten Zustand eine lenkbare Weiterfahrt mit bis zu 60 Stundenkilometern. Der 3,2 Liter (Reihensechszylinder SCI)-Turbodieselmotor von Steyr (272 PS/200 kW) überträgt sein starkes Drehmoment von 610 Newtonmetern direkt auf den permanenten Allradantrieb und verschafft dem Fahrzeug damit einen aggressiven Vortrieb. Dadurch sind Geschwindigkeiten auf der Straße von bis zu 110 Stundenkilometern möglich. Trotz seiner relativen Größe hat das AMPV Typ 2A nur einen Wendekreis von weniger als 15 Metern. Damit ist es den Gegebenheiten in den engen Dörfern, Städten und Schluchten Afghanistans optimal angepaßt. Ein Sechsstufen-Automatikgetriebe erleichtert (gerade in Streßsituationen) die Handhabung des Fahrzeuges. Das Tankvolumen erlaubt einen Einsatzradius (je nach Gelände) von bis zu 700 Kilometern. Bemerkenswert ist die Unempfindlichkeit des Motors gegenüber schlechter Kraftstoffqualität. Mit einem Prototyp wurden mehrere tausend Kilometer in den unterschiedlichsten Klimazonen zurückgelegt.
Als Bordbewaffnung sind die Fernbedienbaren Leichten Waffenstationen (FLW 100/200) vorgesehen.
Harter Einsatz
Das AMPV basiert auf den gesammelten Erfahrungen der Bundeswehr und ist für den harten Einsatz in „heißen“ Krisengebieten bestimmt. Es bietet der Fahrzeugbesatzung (Soldaten, Polizisten, Mitarbeitern von Hilfsdiensten) in schwierigem Gelände hohe Mobilität und gleichzeitig wirksamen Schutz gegen Beschuß, Minen und Sprengfallen. Es ist davon auszugehen, daß das AMPV im Rahmen des Beschaffungsvorhabens GFF (Geschützte Führungs- und Funktionsfahrzeuge) ab 2011 den Einsatzkräften zur Verfügung stehen wird. Der Bedarf für die Bundeswehr beträgt derzeit mehr als 1.000 Fahrzeuge.
Bernhard Fischer



