Das USV-Schnellboot „Protector“
Mit dem Anschlag auf den US-Zerstörer „Cole“ in der jemenitischen Hafenstadt Aden im Oktober 2000 wurde deutlich, daß auch modernste Kriegsschiffe – selbst wenn sie in einem „sicheren“ Hafen liegen – durch unkonventionelle Angriffsmethoden stark gefährdet sind. Obwohl zum Zeitpunkt des Anschlages für die Besatzung der „Cole“ die mittlere Alarmstufe BRAVO (bewaffnete Soldaten sichern dabei das Deck) ausgegeben war, konnte ein mit Sprengstoff beladenes und von zwei Terroristen gesteuertes ziviles Schlauchboot ungehindert an das Schiff heranfahren. Die Wucht der Detonation riß in Höhe des Maschinenraums ein neun mal zwölf Meter großes Loch in den Rumpf. Dabei wurden 19 Menschen getötet und 39 weitere verletzt. Der Schaden war so groß, daß die „Cole“ ihre Mission (Geleitschutz für den Flugzeugträger USS „George Washington“) abbrechen mußte und in die USA zurückgebracht wurde. Die Kosten für Überführung und Reparatur beliefen sich auf insgesamt 250 Millionen US-Dollar.
Der Anschlag löste ein verstärktes Nachdenken über effektive Abwehrmöglichkeiten aus und war damit gleichzeitig die Geburtsstunde des neuen USV-Konzeptes (unmanned surface vehicle), eines neuen autonomen Waffensystems für die Hafen- und Küstensicherung. Während fliegende Drohnen bei militärischen Operationen bereits zum Alltag gehören, sind solche Sensor- und Waffenplattformen unter oder auf dem Wasser noch eher unbekannt. Israel hat auf den neuen Bedarf als erstes Land reagiert. Vom Rüstungskonzern Rafael-Advanced Defense Systems Ltd. stammt das zukunftsweisende System USV „Protector“ für die Abwehr von Terrorangriffen auf dem Wasser. Das unbemannte, halbautonome Patrouillenboot bietet eine Reihe von Innovationen. Zum Steuern und Bedienen der „Protector“ sind zwei Mann erforderlich, die von einer Leitstelle an Land, einer sogenannten „Offshore-Plattform“ oder einem zentralen Schiff den Einsatz leiten und kontrollieren.
Unsinkbares Festrumpfschlauchboot
Durch die räumliche Distanz ist der Bediener vor möglichen Angriffen, Sprengfallen oder Selbstmordattentätern geschützt.
Als Grundmodul dient ein stabiles und unsinkbares Festrumpfschlauchboot. Durch seine V-förmige, schnittige und aerodynamische Rumpfform ist das Boot für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt. Mit neun Metern Länge und einer nur drei Meter hohen Silhouette (über der Wasserlinie) ist die „Protector“ auf dem Wasser nur schwer auszumachen. Die Deckaufbauten sind auf das Wesentliche reduziert worden und durch eine spezielle Beschichtung selbst für Radar nur schwer zu orten.
Im Bugbereich ist eine stabile, aerodynamisch geformte Waffenstation vom Typ „Mini-Typhoon“ eingebaut. Die Standardversion der „Protector“ ist mit einem MK49 Mod. 0-Maschinengewehr mit durchschlagstarkem Kaliber 7,62 x 51 mm bestückt. Es sind jedoch auch, je nach Auftrag, größere Waffen (Gatling-Revolverkanone GAU-8 bis zum 50’er Kaliber oder das MK19-40 mm-Granatmaschinengewehr) einsetzbar. Die Waffenanlage ist selbststabilisierend gelagert, was auch bei schneller Fahrt oder Wellengang eine hohe Ersttrefferwahrscheinlichkeit gewährleistet. Die optimale Visierlinie wird mit einem Laser-Entfernungsmesser und Zielverfolgungsmodul ermittelt. Durch vorwärtsgerichtete (120 Grad), optronische Visier- und Beobachtungseinrichtungen ist der Bediener von seiner weit entfernten Leitstelle aus in der Lage, komplexe Patrouillen durchzuführen. Dabei ermöglicht das Zehnfach-Zoom der IR/Taglichtkamera (hochauflösende digitale CCD-Kamera) im Lichtmast auch bei Dunkelheit oder schlechter Sicht selbst auf größere Entfernung und in einem 360 Grad-Radius die Identifizierung von Booten, Personen oder Vorgängen. Über den Bordlautsprecher mit integriertem Mikrofon kann die Besatzung eines aufgebrachten Bootes angesprochen und zu einem bestimmten Verhalten aufgefordert werden. Durch ein GPS und Suchradar im Lichtmast werden der Leitstelle ständig metergenau die Position des Bootes und weitere Telemetrie-Daten (Geschwindigkeit, Kurs) übermittelt. Die Datenübermittlung erfolgt über eine abhör- und störungssichere Kommunikationseinrichtung. Wenn es der Auftrag erfordert, können optional auch Sonarsensoren zur Minenortung montiert werden. Für den Selbstschutz ist eine flächenabdeckende Brandlöschanlage installiert.
Der dieselgetriebene Strahlantrieb beschleunigt das Boot auf eine beachtliche Geschwindigkeit von bis zu 40 Knoten (75 Stundenkilometer). Aufgrund der fehlenden Schiffsschraube ist es sogar in der Lage, über kleine Hindernisse zu fahren.
Einsatzzeit bis zu acht Stunden
Dadurch ist auch das Operieren in sehr flachen Küsten- und Flußgewässern möglich. Das große Volumen des Treibstofftanks erlaubt eine durchgehende Einsatzzeit von bis zu acht Stunden.
Das USV „Protector“ ist bereits in größerem Umfang im Persischen Golf und dem Mittelmeer im Einsatz. Es ist aber zukünftig davon auszugehen, daß weltweit Kontroll- und Überwachungsaufgaben auch in stark frequentierten mündungs- und küstennahen Gewässern oder im maritimen Objektschutz (Öl-/Gasförderanlagen oder Pumpstationen) verstärkt von unbemannten, ferngesteuerten Booten durchgeführt werden.
Michael Nordmann


